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Kommunismus - Message Thread - Conversation Thread - Reply - Help

Name: Willi Nicke
Date/Time: Wednesday, 15 Jun 2005 at 8:56:24 CEST
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Subject:
Chef-Inquisitor Wauer jetzt selbst auf dem stalinistischen Scheiterhaufen:
 
Message:

Artigel aus www.linkseite.de

Chef-Inquisitor Wauer jetzt selbst auf dem stalinistischen Scheiterhaufen:

Information (Auszug) über die ausserordentliche Tagung des Zentralkomitees der Sekte "KPD" am 10.April 2005 in Berlin

Das ZK der "KPD" hat in einer ausserordentlichen Tagung umfassend die Tätigkeit der parteifeindlichen linkssektiererischen Gruppierung um Hans Wauer und Emil Collet in der "KPD" behandelt und die Drahtzieher dieser Gruppierung, Hans Wauer und Emil Collet, in Übereinstimmung mit der ZKSK und ihrer Bestätigung aus der "KPD" ausgeschlossen.
Weitere Parteiverfahren gegen aktiv Mitwirkende in dieser Fraktion wurden eingeleitet.

Das Zentralkomitee hatte vorher die Zentrale Kontroll- und Schiedskommission der "KPD" beauftragt, alle Verfehlungen der Gruppierung Wauer/Collet im Rahmen eines Parteiordnungsverfahrens zu prüfen. Die ZKSK hat das umfassend und unvoreingenommen getan. Sie hat sich unter Abwägung aller Umstände, auch der Leistungen der Betroffenen für die Partei, für den Ausschluss von Hans Wauer und Emil Collet wegen ihrer linkssektiererischen Fraktionstätigkeit, der Missachtung von programmatischen und statuarischen Rechten und Pflichten ausgesprochen, was vom Zentralkomitee in seiner Sitzung am 10. April 2005 einstimmig beschlossen und von der ZKSK bestätigt wurde. Wauer und auch Collet hatten es abgelehnt, nach entsprechenden Einladungen, an den Beratungen in der ZKSK und des ZK gemäss ihrer Pflicht zur Klärung aller Umstände ihres Ordnungsverfahrens teilzunehmen, was ein Verstoss gegen das Statut der Partei ist. Sie haben auch nicht von ihrem Recht Gebrauch gemacht, sich entsprechend zu verteidigen.
Der Bericht des Vorsitzenden der ZKSK wurde einstimmig bestätigt.

Der Vorsitzende der "KPD", Genosse Werner Schleese, hielt ein grundsätzliches Referat über Inhalt und Zielstellung der parteifeindlichen linkssektiererischen Gruppierung, das einstimmig bestätigt wurde. Es gab eine umfangreiche und prinzipielle Diskussion und Verurteilung der linksektiererischen und fraktionellen Aktivitäten. Das Zentralkomitee steht einmütig hinter dem Vorsitzenden der "KPD", Genossen Werner Schleese.

In seinen Darlegungen wies Genosse Werner Schleese anhand vieler überprüfter Fakten nach, dass diese fraktionelle Gruppierung versuchte, die Beschlüsse des 22. und 23.Parteitages sowie die Ergebnisse von 3 Konferenzen zur Aktionseinheit deutscher Kommunisten und Sozialisten zu unterminieren und die Partei zu spalten. Sie versuchte durch sektiererische Abschottung und mit den verbreiteten Vorbehalten gegen andere linke Parteien und Organisationen die "KPD" zu einer Sekte zu degradieren.

Selbst bewährte Kommunisten in der "KPD", die zeitweilig anderen linken Parteien (z.B. der DKP) angehörten, wurden von Wauer/Collet diffamiert und beschuldig in deren Interesse die "KPD" bewusst zersetzen zu wollen. Die ideologische Engstirnigkeit dieser Wauer/Collet-Fraktion führte so weit, dass sie Sympathisanten der "KPD" - die sich als Arbeiter- und Bauernkinder in der DDR zu Hochschulkadern entwickeln konnten - gründlich verprellten, indem sie intelligenzfeindlich diffamiert wurden.

In seinem Referat erinnerte Genosse Schleese daran, wie sich das ZK der "KPD" für die Aktionseinheit gegen all die Gebrechen dieses imperialistischen Systems und im Thälmannschen Geist eine Volksfront gegen den Imperialismus entschied.

Die Angriffe Collets gegen den "Rotfuchs" und seinen Förderverein gegen die PDS und die DKP, die er pauschal als reaktionär abstempelte, förderten keineswegs die notwendige Schaffung von Aktionseinheit und Bündnispolitik Linker. Seine sektiererischen Auffassungen versuchte Collet auch in die ideologische Kommission ZK der "KPD" zu tragen, Collet lehnte alle Zusammenarbeit mit PDS und DKP und anderen antimperialistischen Kräften grundsätzlich ab und wollte den Begriff "Linke" aus dem deutschen Sprachschatz streichen.

Genosse Schleese betonte dazuin seinem Referat." Jede Ablehnung einer Zusammenarbeit mit anderen linken Kräften kann die "KPD" nur auf den Weg einer unbedeutenden Sekte führen. Wenn Collets Einheit und Reinheit der Partei darin besteht, uns von allen anderen linken Kräften abzukapseln, sie nur zu beschimpfen und nicht nach absolut vorhandenen Gemeinsamkeiten im antiimperialistischen Kampf zu suchen - ohne unsere grundsätzlichen, eigenen Ziele aufzugeben - dann wäre es um die Wirksamkeit der "KPD" schlecht bestellt." Genosse Schleese wies anhand überprüfter und von der ZKSK untersuchter Fakten vielfältige Verletzungen des Statuts, wie des demokratischen Zentralismus in der Partei, der innerparteilichen Demokratie und der groben Missachtung des Prinzip von Kritik und Selbstkritik durch Wauer nach. (In von Mitgliedern des Sekretariats/ des ZK durchgeführten Mitgliederversammlungen in den LO wurde darüber ausführlich informiert).

Wauer verweigerte beharrlich dem Sekretariat und dem Zentralkomitee jegliche Antwort auf die mehrmals gestellten kritischen Fragen zu Sachverhalten, zu ideologischen Inhalten seiner Parteiarbeit und selbst zur eigenen Biographie.

Die Träger des linkssektiererischen Bazillus in der "KPD" fanden sich nach der Sondersitzung des ZK am, 12.03.2005 mit Hilfe einiger anderer aus Berlin und Viernau/Thüringen zusammen. Sie versuchten die linkssektiererischen Auffassungen von Wauer zu bemänteln und die Flucht nach vorn anzutreten durch unhaltbare Beschuldigungenen des Sekretariats, des ZK und des Vorsitzenden der Partei. Das gelang dieser Gruppierung allerdings nicht.

Deshalb gingen sie zur offenen linkssektiererischen Fraktionsbildung über und rotteten sich am 19. März 2005 in der Wohnung von Wauer zusammen, an der Wauer als stellvertredender Vorsitzender der "KPD", Collet als Mitglied der ideologischen Kommission, Spindler, Vorsitzender der LO Thüringen, Weisheit, Mitglied der ZFRK, Geipel stellvertrender Chefredakteur der "Die Rote Fahne", u.a. teilnahmen. In dieser "Sitzung" wurde u.a. ein Brief des LO-Vorsitzenden Mecklenburg/Vorpommern an die Mitglieder der Landesorganisation Berlin mit verleumderischen Inhalten gegen den Genossen Werner Schleese sowie andere Mitglieder des ZK fabriziert.

Dieser Brief hatte das Ziel, die Berliner Genossen zur Unterstützung des geplanten Parteiputsches bewegen. Das Schreiben wurde mit der gefälschten Unterschrift des Vorsitzenden der Landesorganisation Mecklenburg/Vorpommern, Genossen Axel Kohlsmann versehen, der diesen Brief weder formulierte, noch zur Kenntnis bekam, noch versandte. Das war nicht die einzige kriminelle Handlung. Wauer und Geipel scheuten sich nicht, auch die Unterschrift des Vorsitzenden, Genossen Werner Schleese, ohne dessen Wissen auf einen Brief des ZK an eine ausländische Einrichtung zu kopieren.

Über den redaktionellen Artikel in der April-Ausgabe 05 zur Lage in der Partei" waren einige unserer Leser offenbar schockiert, sie stiessen sich am Ton. Sicherlich hängt das auch mit der tiefen persönlichen Enttäuschung über Hans Wauer zusammen, der Genossen lange Zeit manipulierte und täuschte, der all zu oft Unwahrheiten für Tatsachen offerierte, der sein Unvermögen und seine charakterlichen Defizite in zunehmendem Masse deutlich werden liess.

Haltlose Lügen und Falschinformationen durch Wauer gegenüber den Führungsorganen der Partei führten dazu, dass in der Vergangenheit Genossen mit Hilfe nicht zuständiger, von ihm selbst ernannter Gremien, ungerechtfertigt aus der Partei ausgeschlossen wurden.

Das ZK beauftragte die Zentrale Kontroll- und Schiedskommission
1. alle im Zusammenhang mit der Fraktion Wauer/ Collet stehenden Aktivitäten der Genossen Kurt Spindler, Heiderose Weisheit, u. a. gründlich zu untersuchen und dem ZK entsprechende Entscheidungsvorschläge vorzulegen ( Inzwischen wurden die in der parteifeindlichen Fraktion aktiv mitwirkenden Michael Geipel und Jürgen Gedicke der Landesorganisation Berlin aus der Partei ausgeschlossen).
2. alle früheren fragwürdigen Parteiordnungsverfahren, Ausschlüsse und Austritte gründlich zu prüfen und dem ZK entsprechende Entscheidungsvorschläge zu unterbreiten.

Das ZK wies alle Angriffe Verleumdungen gegen bewährte führende Genossen des ZK durch die parteifeindliche Fraktion zurück, Der Vorsitzende, Genosse Werner Schleese, dankte im Namen des Sekretariats und des ZK den von dieser Fraktion direkt angegriffenen Genossen für ihr kompromissloses, konsequentes Auftreten gegen die Putschisten zur Wahrung der Einheit und Reinheit der Partei auf dem Boden des Marxismus-Leninismus.

Als Sozialist bin ich ein entschiedener Gegner des Stalinismus

Ein Interview mit Nathan Steinberger aus dem Jahr 1997
(Zu Beginn des Jahres 1997 führten Verena Nees und Ulrich Rippert ein ausführliches Gespräch mit Nathan Steinberger, der am 26. Februar 2005 gestorben ist. Das Interview fand in Steinbergers Berliner Wohnung statt und wurde in der Zeitung Neue Arbeiterpresse vom 4. Februar 1997 abgedruckt.)


Vor 60 Jahren fanden die Moskauer Prozesse statt. Dein Leben war eng mit den tragischen Erfahrungen des Stalinismus verbunden. Ein Jahr vor Hitlers Machtübernahme bist Du nach Moskau gekommen, und wenige Jahre später, 1937 wurdest Du verhaftet und verbrachtest fast 20 Jahre im stalinistischen Gulag. Welche Beschuldigung wurde gegen Dich erhoben?

Mir wurde "konterrevolutionäre trotzkistische Tätigkeit" vorgeworfen, wie es im Protokoll der Untersuchung und im nachfolgenden Urteil hieß. Die aktiven Anhänger von Trotzkis Linker Opposition waren bereits Ende der 20er Jahre in die Verbannung oder die Straflager des NKWD deportiert worden. 1937 wurden sie fast alle hingerichtet.

Der Vorwurf des "Trotzkismus" aber wurde gegen jeden gerichtet, der einer kritischen Einstellung zur Stalinschen Politik verdächtig war.

Den kläglichen "Beweis" für meine "trotzkistische Tätigkeit" bildete die Tatsache, dass ich als 16-Jähriger einer Jugendgruppe beigetreten war, die sich an der Linie von Karl Korsch orientierte. Ich war deshalb kurzzeitig aus dem KJVD ausgeschlossen worden. Karl Korsch hatte in den 20er Jahren für die von Trotzki geführt Linke Opposition in der Sowjetunion Partei ergriffen. Auch versuchte der Untersuchungsrichter, aus meiner und meines Bruders Bekanntschaft mit Nathan Lurje, der zu Beginn meines Studiums in Berlin 1929 zur kommunistischen Studentenführung gehört hatte, eine kriminelle Verbindung abzuleiten. Lurje war 1936 zusammen mit Sinowjew als "trotzkistischer Verbrecher" verurteilt und hingerichtet worden.

Aber mein Schicksal war nicht ein individuelles Schicksal, es war das Schicksal der gesamten deutschen Emigration und Teil der Säuberungen in der damaligen Sowjetunion, denen wahrscheinlich Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ganze Bevölkerungsgruppen, ganze Schichten der Gesellschaft, die als gefährlich angesehen wurden, waren Stalins Repressionen ausgeliefert. Die individuelle Urteilsbegründung war dabei unwesentlich.


Kannst Du einiges über die großen Säuberungen berichten?

Was 1936 bis 1938 in der Sowjetunion geschehen ist, war ein reines Massaker. Es war unfaßbar. Ich kann nicht sagen, ob es Hunderttausende oder Millionen waren, die umgebracht wurden. Jedenfalls stellen die öffentlich zum Tode Verurteilten der Moskauer Prozesse statistisch gesehen eine winzige Minderheit dar. Die Ermittlungsverfahren gegen diese 55 Angeklagten, die allesamt zum Tode oder langjähriger Lagerhaft verurteilt und entweder sofort hingerichtet oder nach kurzem Aufenthalt im Lager umgebracht wurden, waren Schauprozesse. Sie dienten dazu, im Ausland vorzutäuschen, dass alles rechtmäßig zuging.

In Wahrheit waren die Angeklagten solange mit Verhören und Folter durch das NKWD präpariert worden, bis sie als Individuen regelrecht abgetötet, ausgebrannt und ausgesogen waren. Als Sinowjew, Kamenew und die anderen so genannte "Geständnisse" ablegten, waren sie nicht mehr sie selbst, sie waren nur noch Puppen.

Was mich erschüttert hat, als ich aus dem Lager zurückkam, war die Frage vieler Leute danach, was vor Gericht gesagt worden sei. Ich habe geantwortet, es gab kein Gericht. Den Schwindel, den Stalin in den Moskauer Prozessen organisiert hat, konnte er nicht mit Millionen machen. Mindestens 80 Prozent der Verhafteten haben niemals ein Gericht zu Gesicht bekommen. Sie wurden in so genannten "Besonderen Beratungen" zu Lagerhaft von fünf bis 25 Jahren verurteilt. Was die Todesurteile oder Verurteilungen zu "lebenslänglich" angeht, so hielt man sich zum Schein an die Verfassung, weil Todesurteile nur durch Gerichte gefällt werden durften. Man organisierte nichtöffentliche Verhandlungen, die in der Regel eine halbe, höchstens aber eine Stunde dauerten und nur eine Formalität waren. Der Angeklagte hatte gar keine Gelegenheit, sich zu der Anklageschrift zu äußern. Es war völlig unerheblich, ob jemand schuldig oder unschuldig war. Anwälte gab es überhaupt nicht.

Die erste Welle der großen Säuberungen begann mit dem Jahr 1928/29, als die Zwangskollektivierung begann. Das war ein blutiges Abschlachten der Bauern. Die Zahl der Opfer war unermesslich. Wer auch nur einer kritischen Einstellung zur Zwangskollektivierung verdächtigt wurde, wurde verhaftet und erschossen, oder kam ins Lager. Viele Bauern, die erst durch die Oktoberrevolution zu ihrem Eigentum gekommen waren, widersetzten sich der mit staatlichen Zwangsmaßnahmen durchgeführten Kollektivierung. Sie verkauften ihr Vieh, Gerätschaften und sogar Saatkorn. Alle Getreidevorräte wurden ihnen weggenommen. So kam es zu einer Hungersnot, der Hunderttausende zum Opfer fielen.

Die 1935 einsetzende zweite Welle der Säuberung traf vorwiegend die städtische Bevölkerung, Arbeiter, Angestellte, Studenten und Angehörige der Intelligenz, die an den Zielen der Oktoberrevolution festhielten und in wachsendem Maße in Widerspruch zum herrschenden Stalinschen Apparat gerieten. Der in den Massen gärende Missmut über die bürokratische Entartung des Sowjetstaats wurde verschärft durch den Mangel an Nahrungsmitteln und industriellen Konsumgütern. Allerdings entlud sich diese wachsende Opposition nicht in offenen Aufständen oder Massenstreiks, zumindest soweit ich das beurteilen kann. In erster Linie richtete sich Stalins Verfolgungsjagd gegen die alte Garde der Bolschewiki und gegen diejenigen Kommunisten, die sich in den schlimmsten Notjahren des Bürgerkriegs in den Dienst der Partei gestellt hatten.

Dieser aufrichtige, revolutionäre Kern der Partei wurde von Stalin am meisten gefürchtet und gehasst. Aus diesen Kreisen stammten die Führer der verschiedenen linken und rechten Oppositionsgruppen, die sich der Errichtung der Diktatur Stalins widersetzt hatten.

Als die Missstimmung der Bevölkerung jedoch auf erhebliche Teile der Parteimitglieder und auch auf die zur Nomenklatur gehörenden Kader überzugreifen drohte, holte Stalin zum tödlichen Schlag aus. Ja, es war ein präventiver Bürgerkrieg gegen alle potentiellen Gegner. Das war Stalins Theorie und Praxis, man musste mit Stumpf und Stiel jedwede Möglichkeit einer organisierten Opposition ausschalten.


Weshalb verfolgte Stalin die Emigranten aus Nazi-Deutschland, Polen und anderswo, das heißt ausländische Kommunisten wie Dich und Deine Frau?

In die Sowjetunion emigrieren zu dürfen, war ja ein großes Privileg. Die Emigranten waren keine Kritiker Stalins oder der Komintern, sondern in der Regel bewährte Funktionäre, gläubige Anhänger der Parteiführung, die nicht an innerparteilichen Oppositionsgruppen beteiligt gewesen waren. Ihr Asylantrag wurde erst nach einer gründlichen Prüfung ihrer Parteivergangenheit genehmigt.

Umso unfassbarer war für uns die Tatsache ihrer grausamen Verfolgung. Aber für Stalin waren alle alten Kommunisten, die als Revolutionäre in die Partei gekommen waren, egal ob sie die Parteilinie vertraten oder nicht, potentielle Gegner.

Auch war es für Stalin leichter, die Emigranten zu liquidieren, weil sie keine verwandtschaftlichen Beziehungen in der Sowjetunion hatten wie Sowjetbürger. So wurden sie von der herrschenden Schicht als Freiwild angesehen. Besonders hart traf die Säuberung die polnische Kommunistische Partei, die wie die deutsche Partei strategische Bedeutung in Stalins außenpolitischen Plänen hatte. 1937 wurden alle polnischen Funktionäre nach Moskau zur Beratung in die Ljublanka gerufen, und keiner kam aus der Ljublanka wieder lebend heraus. 1938 wurde die polnische Partei aufgelöst. Am Leben blieben von den polnischen führenden Funktionären nur diejenigen, die der Aufforderung, nach Moskau zu kommen, nicht Folge leisten konnten, weil sie in Polen im Gefängnis saßen.

Die deutsche Emigrantengruppe war absolut gesehen eine kleine Gruppe, denn Stalin wollte keine größere Einwanderung deutscher Emigranten. Das wäre ihm zu heikel gewesen, er fürchtete Kritik an der Komintern-Politik in Deutschland vor 1933, die zum Sieg Hitlers beigetragen hatte.

Insgesamt kamen in den Jahren 1933-35 zusammen mit Familienangehörigen etwa 6000 Menschen aus Deutschland und Österreich in die Sowjetunion. Von diesen Menschen, das kann mit absoluter Sicherheit gesagt werden, sind mindestens 80% zu Tode gekommen. Als ich selbst am 1. Mai 1937 verhaftet wurde, war bereits die Hälfte der deutschen Emigranten verhaftet, bis 1938 waren es mindestens 70%, und zu Beginn des Krieges wurden die übrigen 30% verhaftet und deportiert. Von meinen Freunden, die in den GULAG gekommen sind, hat niemand überlebt. Ich und meine Frau gehören zu den ganz wenigen, die lebend aus Kolyma oder anderen Verbannungsorten und Gulags zurückkamen.

Die meisten Emigranten aus Nazi-Deutschland wurden pauschal und fälschlicherweise der Sympathien mit dem NS-Regime beschuldigt, absurde Vorwürfe gegen KPD-Mitglieder, die nur mit knapper Not der Gestapo entronnen waren. Die Hitlerregierung und ihre Sendboten in Moskau reagierten mit unverhohlener Genugtuung auf den Terror gegen die deutschen Asylanten, der zwar vom NKWD als Abwehrreaktion gegen die drohende Naziaggression deklariert wurde, in Wirklichkeit aber unverkennbar den Interessen Hitlers diente. Mit Erstaunen konnte die Gestapo feststellen, dass eine Reihe von ihr vergeblich gejagter Spitzenfunktionäre vom NKWD zur Strecke gebracht wurde.

Ein zusätzliches Motiv für die Verfolgung war materieller Natur. Stalin brauchte Arbeitssklaven für die Industrialisierung in Sibirien und im fernen Osten. Das Schlimme war diese Vermengung von politischen und ökonomischen Motiven.


Welche Rolle spielten Ulbricht und andere Führer der KPD, die überlebt haben und später führende Funktionen in der DDR übernahmen?

Die Führungskader der KPD waren von Stalin vorrangig zur Vernichtung ausersehen. Tatsächlich sind von den Mitgliedern des Thälmannschen Zentralkomitees ebenso viele durch das NKWD ermordet worden wie von der Gestapo. Dieses Zusammenspiel zwischen NKWD und Gestapo beruhte nicht auf förmlichen Abmachungen, wohl aber ist anzunehmen, dass es sich einreihte in die vorbereitenden Maßnahmen, die zum Abschluss des deutsch-sowjetischen Paktes 1939 geführt haben.

Was Thälmann angeht, der ja Stalins Politik in Deutschland loyal ausgeführt hatte, so bin ich der Meinung, dass Stalin ihn nicht nur fallengelassen, sondern ihn faktisch der Gestapo ausgeliefert hat. Es wäre während des Hitler-Stalin-Pakts ein Leichtes gewesen, ihn gegen ein paar echte Nazi-Spione auszutauschen. Aber wie später sowjetische Archivmaterialien enthüllt haben, hat Stalin auf ein entsprechendes Gesuch der Frau Thälmanns abweisend reagiert.

Diejenigen der führenden deutschen Parteifunktionäre aber, die in der Sowjetunion überlebt hatten, waren mit Blut befleckt. Sie hatten ihr Leben gerettet, indem sie die Befehle des NKWD ohne Widerspruch befolgten und alles unterschrieben, um Mitglieder der Partei an die Unterdrückungsorgane auszuliefern. Dazu gehörten Walter Ulbricht, der eine besonders schäbige Rolle gespielt hat, aber auch Herbert Wehner und selbst Wilhelm Pieck, der noch der anständigste war. Zumindest hat er sich nach 1945 um die Freilassung von überlebenden Parteimitgliedern bemüht, zum Beispiel in unserem Fall.


In früheren Publikationen hast Du den Standpunkt vertreten, dass Stalin schon vor der offiziellen Auflösung der Komintern 1943 auf die Zerstörung der internationalen kommunistischen Bewegung und der Komintern hingearbeitet habe. Kannst Du das erläutern?

Die ganze Hoffnung der Linken war die Weltrevolution, oder zumindest die Revolution in weiteren europäischen Ländern. Darauf war die ganze bolschewistische Partei eingeschworen. Lenin und andere führende Bolschewiki waren sich darüber bewusst, dass die von ihnen eroberte politische Macht nur der erste Schritt war und der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung nur dann in die Wege geleitet werden könne, wenn dem Beispiel des Agrarlandes Russland hoch entwickelte Industrieländer folgten. Von dieser Idee waren große Massen erfüllt, und in diesem Geist erfolgte 1919 die Gründung der Kommunistischen Internationale.

Aber die Hoffnung auf weitere Revolutionen schwand, als die Arbeiter in einer Reihe von Ländern Niederlagen hinnehmen mussten. Und damit hing im Grunde auch der Sieg Stalins zusammen.

Nachdem 1928 Bucharin als letzter Oppositioneller aus dem Politbüro verstoßen worden war und auch seine Funktion als Generalsekretär des EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale) verloren hatte, lag die Führung der Komintern faktisch in den Händen Stalins. Die "Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande" wurde zum Leitsatz erklärt, und damit wurde die Komintern völlig der Außenpolitik des Apparats in Moskau untergeordnet.

Als jugendlichem Schüler war mir völlig unverständlich, warum die Linken diese These vom "Sozialismus in einem Land" so bekämpften. Erst später wurde mir klar, dass in dieser Frage tatsächlich die Trennlinie zwischen der herrschenden Schicht der Sowjetunion und der Opposition verlief.

Die KPD bekam den Kurs Stalins in der Komintern als erste zu spüren. In Anpassung an die 1928 vollzogene Linkswende der KPdSU, mit der die Zwangskollektivierung begründet wurde, wurde auch die KPD zu einem extremen Linkskurs verpflichtet. Die Gefahr des Faschismus wurde heruntergespielt, dagegen der "Sozialfaschismus" der SPD zur Hauptgefahr für die Arbeiterklasse erklärt.

Nachher wurde den deutschen Emigranten ja praktisch auch die Niederlage 1933 vorgehalten, obwohl Stalin selbst die Verantwortung dafür trug. Stalin glaubte, mit dem Faschismus könne man außenpolitisch durchaus zusammenarbeiten. Die ganze "Sozialfaschismus-Theorie" war darauf ausgerichtet. Mit dem italienischen Faschismus Mussolinis hatte Stalin ja überhaupt keine Konflikte. Gut, der Faschismus war antikommunistisch, aber das waren Churchill und Stresemann auch.

Für Stalin gab es gleiche imperiale Tendenzen in Deutschland, England, Frankreich usw. Sie konnten Partner oder Gegner der Sowjetunion sein, ganz gleich wer dort an der Macht war. Während die KPD den "Sozialfaschismus" der SPD bekämpfte, suchte Stalin Verbindungen zur Führung der deutschen Reichswehr und ließ Geheimgespräche über eine Zusammenarbeit gegen Polen führen. Als 1939 der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen wurde, war die ideologische Korrumpierung in der Sowjetunion schon so weit fortgeschritten, dass es zur Fraternisierung bei der Zerschlagung Polens kam. Die polnische KP war ja bereits vorher ausgeschaltet worden. Deshalb war Stalin so geschockt, als Hitler den Pakt mit der Sowjetunion auflöste.


Die Moskauer Prozesse wurden durch zahlreiche westeuropäische und amerikanische Intellektuelle unterstützt, die entweder selbst Mitglieder der kommunistischen Bewegung oder Sympathisanten waren, zum Beispiel Leon Feuchtwanger. Was denkst Du darüber?

Es war nicht nur Feuchtwanger, dazu gehörten auch Romain Rolland, Ernst Bloch und andere. Dass sie sich überhaupt als Zeugen der Moskauer Prozesse hergegeben haben, ist eine unerhörte Sache. Sie konnten ja gar keine Zeugen sein. Feuchtwanger sprach nicht einmal Russisch. Sie hatten keine Möglichkeit, mit den Häftlingen zu sprechen, und keinerlei unabhängige Informationen. Selbst wenn sie Russisch verstanden hätten, hätten sie nur das gehört, was man auch offiziell gedruckt hatte.

Die so genannten Geständnisse der Angeklagten hat in unserer Umgebung keiner geglaubt! Aber Bloch oder Feuchtwanger wollten sie glauben.


Was denkst Du zu dem heute weit verbreiteten Standpunkt, der Stalinismus habe bereits mit der Oktoberrevolution und der Politik der Bolschewiki begonnen, und die Oktoberrevolution sei ein Staatsstreich und nicht eine Revolution gewesen?

Die Ereignisse vor allem seit 1928/29 standen im völligen Gegensatz zur Oktoberrevolution 1917. Die Oktoberrevolution war eine wirkliche Volksrevolution, und kein Staatsstreich. Die Bolschewiki waren in der Lage, das Vertrauen nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Bauern zu gewinnen, die damals noch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Sie gingen auf die Forderungen der Bauern ein. Die Übereignung der gutsherrlichen Ländereien an sie wurde vom Sowjetkongress auf dessen erster Sitzung nach der bolschewistischen Machtergreifung beschlossen.

Stalins Regime dagegen festigte sich durch die blutige Niederschlagung der Bauern.

Entscheidend war meiner Meinung nach, dass es keinen organisierten Widerstand der Linken dagegen gab. Die meisten von Trotzkis Anhängern wurden zwar bereits vor 1928 verbannt, aus der Partei ausgeschlossen und inhaftiert, aber ich glaube auch, dass die Linken die Bedeutung der Zwangskollektivierung damals nicht in vollem Umfang erkannten. Auch Bucharin nicht, der erst die Rechtsoppositionellen führte und später zur Vereinigten Opposition mit Trotzkis Anhängern gehörte. Er hat zwar gesehen, dass die Zwangskollektivierung ein Wahnsinn war, aber er hat den tieferen Sinn dieser Stalinschen Aktion nicht begriffen. Denn für Stalin kam es vor allem darauf an zu verhindern, dass die Opposition der Bauernschaft und der Arbeiterklasse zusammenkommt. Somit hat die Zerschlagung des Widerstands der Bauern die Axt an die Grundlagen der Oktoberrevolution gelegt.

Zu erklären, der Stalinismus sei die konsequente Fortführung des Bolschewismus, wie es häufig vertreten wird, ist eine völlige Entstellung der Wirklichkeit. Der stalinistische Umsturz war die Liquidierung der Ideen der Oktoberrevolution.

Natürlich wurde dies immer vernebelt. Stalin hatte niemals eine förmliche Abgrenzung von Marx und Lenin vorgenommen. Er gab sich als Marxist und Leninist aus. Marx und Lenin wurden gedruckt, was aber nichts zu bedeuten hatte. Die Bürokratie arbeitete mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten. Es gab eine stalinistische Konterrevolution unter der Fahne von Marx und Lenin.


Die Trotzkisten haben die Arbeiter immer davor gewarnt, dass die stalinistische Bürokratie die Sowjetunion zerstören und den Kapitalismus restaurieren wird. Als dies 1991 durch die Auflösung der Sowjetunion geschah, gab es jedoch keinen Widerstand. Was denkst Du über diese Entwicklung?

Das ist ja die große Frage, die kaum einer stellt. Die große Sowjetunion, die den Faschismus besiegt hat, ist zusammengebrochen, und keiner ist dagegen aufgestanden. Die Antwort darauf kann nur lauten: Sie ist zusammengestürzt, weil es ein stalinistisches Regime war. Der Stalinismus hatte sämtliche Kräfte ausgerottet und kampflos gemacht, die fähig gewesen wären, etwas Neues und Fortschrittliches innerhalb dieses Systems zu entwickeln.

Scheinbar ist ja in der Sowjetunion alles nach marxistischem Muster abgelaufen: Das Kapital wurde enteignet, die Opposition dagegen unterworfen, und das wurde mit Sozialismus gleichgesetzt. Dann kam noch der "Sieg gegen den Faschismus" dazu. Aber das ist ein naives Muster. Verstaatlichtes Eigentum ist noch nicht sozialistisch. Solche Vorstellungen haben viel dazu beigetragen, den Stalinismus zu vernebeln.


1955, nach Eurer Rehabilitierung, bist Du mit Deiner Frau und Deiner Tochter nach Ostberlin zurückgekehrt. Wie waren damals die Verhältnisse in der DDR und welche Erfahrungen habt ihr dann gemacht?

Die DDR wurde nach dem Modell der Sowjetunion errichtet, allerdings konnte die Sowjetunion in Berlin als offene Stadt keinen Schauprozess durchführen. Auch in der DDR gab es so genannte Planwirtschaft, allerdings mit einigen Unterschieden, man könnte auch sagen, Privilegien gegenüber der Sowjetunion, weil die Industrie hier als Lieferant für die sowjetische Wirtschaft arbeitete. Die sowjetische Wirtschaft hatte Rohstoffe und eine ausgedehnte Kriegsindustrie, doch sie wies in Bezug auf die verarbeitende Industrie ein niedriges Niveau auf. Sie konnte Raketen bauen, aber keine Kochtöpfe.

Dass die DDR gegenüber Westdeutschland im Wirtschaftsvergleich immer weiter zurückfiel, war für die Sowjetunion zunächst ohne Bedeutung. In der DDR selbst wurde es verheimlicht. Ich würde die DDR als Stalinschen "Sozialismus" mit weniger grausamen Formen des Stalinismus bezeichnen. Die Planwirtschaft war innerlich völlig hohl. Das zeigte sich in dem Moment, wo sie der Konkurrenz ausgeliefert war. Sie war ihr nicht gewachsen, verlor die Absatzmärkte in der Sowjetunion und Osteuropa und brach in sich zusammen.


Im Unterschied zur DDR haben in der Sowjetunion die Arbeiter aktiv durch die Oktoberrevolution den ersten Arbeiterstaat geschaffen. In der DDR wurden die Verstaatlichungen von oben eingeführt. Siehst Du darin einen wichtigen Unterschied?

Ja natürlich. Die Oktoberrevolution und auch der Bürgerkrieg in Russland waren getragen von Massen von Arbeitern und Parteimitgliedern, die sich als Vorhut der Internationale verstanden. Aber in der DDR war schon der Anfang betrügerisch. Deshalb ist von der DDR auch nichts übrig geblieben.

Als ich Weihnachten 1955 nach Ostberlin zurückkam, entwickelte sich gerade die so genannte Tauwetterperiode unter Chruschtschow. Uns ist nicht in den Kopf gekommen, nach Westberlin zu gehen. Denn wir dachten, dass das Ende von Stalin die Erneuerung des Sozialismus einleiten würde. Stalin war erledigt und die Ablösung Ulbrichts schon geplant. Wir und alle Überlebenden des Gulag wurden sehr herzlich empfangen, und ich wurde gleich in die Plankommission berufen, wo ich stellvertretender Hauptabteilungsableiter wurde. Über unsere Erfahrungen in den sowjetischen Lagern mussten wir allerdings schweigen.

Dann wurde der Aufstand in Budapest niedergeschlagen und die Hoffnung auf ein Ende des Stalinismus und eine sozialistische Erneuerung schwand. Ulbricht saß wieder fest im Sattel. Den Posten in der Plankommission verlor ich ebenfalls wieder. Für eine Karriere in der Nomenklatura kam ich nicht in Frage, zum Glück.

Ich hatte auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich ein Antistalinist war. So wurde ich weggelobt in eine akademische Laufbahn und bekam eine Professur als Ökonom in Meißen, Potsdam und schließlich in Berlin-Karlshorst.

Natürlich stand ich unter Beobachtung. Nach der Wende gehörten wir zu den ersten, denen die Gauck-Behörde alle Unterlagen über die Bespitzelung gegen uns ausgehändigt hat. Aus diesen Stasiakten geht hervor, dass es Versuche gab, ein Verfahren gegen mich anzustrengen. Aber es war ihnen eine zu heikle Sache, jemanden, der 20 Jahre in sowjetischen Lagern gesessen hatte, offen zu verfolgen. Da ich Jude bin, lag es dagegen nahe, mich als Zionisten darzustellen.


Nach all dem, was Du erlebt hast, bist Du, im Gegensatz zu vielen anderen, Deinen sozialistischen Überzeugungen treu geblieben. Was hat Dich dazu bewogen?

Gerade weil ich unverändert ein Anhänger des Sozialismus und Kommunismus bin, bin ein entschiedener Gegner des Stalinismus.

Die Sowjetunion ist nicht zusammengebrochen, weil sie ein sozialistischer Staat war, wie die Antikommunisten immer behaupten, sondern weil von Stalin alles zerstört wurde, was sozialistisch war. Er hat den Begriff des Sozialismus auf schlimmste Weise diskreditiert, und das hat maßgeblich zur Krise der Arbeiterbewegung nach dem Ende der Sowjetunion beigetragen.

Stalins Vorstellungen hatten mit Sozialismus in Wirklichkeit nichts zu tun. Unter den Bauern hatte es zum Beispiel vor der Kollektivierung Strömungen gegeben, die für Genossenschaften oder Landkommunen und damit für eine gemeinsame Bewirtschaftung eingetreten waren. Zum Beispiel die Schweizer Kommune, die Fritz Platten, mit dem ich befreundet war, auf Veranlassung Lenins organisiert hatte. Sie bestand aus einer Reihe Schweizer Genossen, meistens keine Bauern, die aber von der Idee der sozialistischen Utopisten beseelt waren. Lenin hat ihnen gesagt, kommt mit Traktoren und zeigt mal, wie man es vernünftig organisieren kann. Es gab auch viele andere Kommunen, zum Beispiel von Christen. Die Stalinsche Kollektivierung war das krasse Gegenteil der Vorstellungen Lenins. Als erstes wurde angewiesen, alle Kommunen sofort aufzulösen und ihr Eigentum den staatlichen Organen auszuhändigen. Der Genosse, der zuletzt die Schweizer Kommune geleitet hatte, fuhr damals nach Moskau und protestierte dagegen.

Eines der Zitate, die immer wieder von Stalin angeführt wurden, war Marx' Unterscheidung zwischen Sozialismus und Kommunismus. So wurde gesagt: Sozialismus ist Kampf gegen Gleichmacherei, und Kommunismus, in dem es dann wirkliche Gleichheit gibt, das ist eine Sache, die in den Wolken steht. Gerade diese Sache ist typisch, wie Stalin Marxsche Zitate benutzt hat. Über die Pariser Kommune zum Beispiel wurde nur die Kritik von Marx zitiert, dass die Kommunarden nicht sofort die Banken enteignet, nicht schnell genug einen zentral organisierten Staat aufgebaut hatten und nicht nach Versailles marschiert sind - in den Augen Stalins war wahrscheinlich vor allem falsch, dass die Kommune nicht sofort eine Tscheka gegründet hatte.

Der Begriff Sozialismus ist ja heute ganz schwierig geworden. Damit hantiert auch die Reaktion, indem sie jedwede Bewegung, die sich gegen den Kapitalismus richtet, als sozialistisch und damit als stalinistisch bezeichnet. Umso wichtiger ist es, den krassen Unterschied zwischen Stalinismus und Sozialismus zu verstehen.

Was heißt Sozialist sein? Ich habe meinen Studenten oft diese Frage gestellt. Keiner hat eine Antwort gewusst. Man muss zu Marx zurückgehen, um zu verstehen, was Sozialismus wirklich heißt. Er hat gesagt, Sozialisten treten für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein. Statt Brüderlichkeit würde man heute vielleicht Solidarität sagen. Und zwar echte Freiheit und wirkliche Gleichheit, und nicht nur in dem Rahmen, in dem sie die Bourgeoisie akzeptiert, d.h. nicht nur juristisch. Sozialismus ist mit Begriffen von Freiheit und Gleichheit untrennbar verbunden.

Quelle: http://www.wsws.org/de/2005/mar2005/ste2-m05.shtml

W. Nicke

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